79 Prozent sagen: Talente bleiben in den Schulen ungenutzt
Andrea HillerAuf den ersten Blick sieht das Urteil der Österreicher über unser Schulsystem gar nicht so schlecht aus: 47 Prozent halten es für gleich gut wie das anderer EU-Länder, 13 Prozent für besser. Besonders jene, die selbst noch in Ausbildung stehen oder Schule und Studium erst in den letzten Jahren abgeschlossen haben, geben der österreichischen Schule gute Noten - die schlechteste Einschätzung kommt von jenen, deren Ausbildung schon mehr als 25 Jahre zurückliegt. Im EU-Vergleich stehen unsere Schulen also gut da, auch wenn 28 Prozent sagen, dass es anderswo besser wäre.
Bei näherem Nachfragen zerbröselt das Bild von der guten Schule aber.
Der Standard ließ 500 repräsentativ ausgewählte Menschen über 16 durch das Linzer Market-Institut fragen: "Wird heute an den Schulen im Wesentlichen die richtige Bildung vermittelt, oder werden wesentliche Bildungsziele vernachlässigt?" Und da kommt es dick: 63 Prozent sagen, dass wesentliche Bildungsziele vernachlässigt würden, nur 26 Prozent meinen, dass an den Schulen die richtige Bildung vermittelt würde. Eltern mit schulpflichtigen Kindern im Haushalt urteilen zwar etwas milder, sind aber auch mehrheitlich der Meinung, dass Wesentliches vernachlässigt würde.
Was das sein könnte, wurde von Market in einer Liste abgefragt:
65 Prozent meinen, dass an unseren Schulen mehr Wert auf Naturwissenschaften und Technik gelegt werden sollte - wobei den konkreten Schulfächern, die die Grundlagen vermitteln sollen, deutlich weniger Gewicht gegeben wird. Nur 45 Prozent würden der Physik mehr Raum geben (43 Prozent sagen, darauf solle weniger Wert gelegt werden), bei der Chemie sind sogar nur 41 Prozent für eine Ausweitung, aber 47 für einen geringeren Wert. Auffallend ist, dass die Chemie besonders von den Schülern und Studenten selbst besonders schlechte Noten bekommt. Biologie und Umweltkunde erfreuen sich dagegen hoher Wertschätzung: 71 Prozent meinen, die Schule sollte da mehr vermitteln, jedem vierten Befragten ist es schon zu viel.
Einen Spitzenplatz im Bildungskanon nehmen Informatik und Computer ein: 91 Prozent sind für eine Aufwertung dieses Wissensgebietes. Die zugrunde liegende Mathematik interessiert schon etwas weniger: 80Prozent wünschen sie aufgewertet, 16Prozent meinen, man käme mit weniger Mathematik auch durch. Auch hier sind es wieder die Schüler und Studenten, die besonders matheskeptisch sind. Wirtschaftskunde wird von 74 Prozent für besonders wichtig gehalten - und hier sind die noch in Ausbildung stehenden Befragten wieder besonders dabei.
Der Komplex der Sprachausbildung wurde sehr differenziert abgefragt: Absoluter Spitzenreiter mit 92 Prozent, die mehr Wert darauf legen würden, sind die internationalen Sprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch. In scharfem Kontrast dazu steht die Einschätzung der Sprachen unserer östlichen Nachbarländer: Auf Tschechisch, Ungarisch oder Slowenisch würden 46 Prozent eher weniger Wert legen, nur 44 Prozent würden diese Sprachen aufwerten. Noch schlechter steht es um die eher als exotisch angesehenen Sprachen Japanisch, Chinesisch und Arabisch sowie die alten Sprachen Latein und Altgriechisch, die jeweils nur von elf Prozent für bedeutsam gehalten werden. Zum Vergleich: Die deutsche Sprache wollen 87 Prozent aufgewertet wissen.
Kunsterziehung (31 Prozent für Aufwertung, 56 Prozent für Abwertung), Religion und Ethik (34 Aufwertung, 58 Abwertung) und Philosophie (25:58) genießen offenbar wenig Ansehen. Dagegen wollen 65Prozent Politische Bildung und Geschichte aufwerten, 61 Prozent die Sexualkunde und 51 Prozent die Medienkunde.
Klar ist das Urteil, dass die Schule auf die Kinder zu wenig eingeht. Nur 18Prozent sagen, dass die meisten Talente gefördert werden, 79 Prozent meinen, dass viele Talente ungenutzt blieben.
Ob das mit falschen Schullaufbahnen zusammenhängt? Unter Vermeidung des polarisierenden Begriffs Gesamtschule ließ der Standard fragen, wann denn die erste wichtige Entscheidung der Schullaufbahn fallen sollte. Quer durch alle Bevölkerungsgruppen sagt nur jeder Zehnte, dass das mit zehn Jahren nach der Volksschule passieren sollte. 67 Prozent halten 14 Jahre für richtig, und 23 Prozent meinen, dass man erst mit 18, im Maturaalter, eine Entscheidung fällen sollte. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.Juni 2010)
in den 70iger dessen kind ich bin, war ja schon einmal nachhaltig vom schwedischen modell die rede. die volksanwälte sind uns geblieben, der zeitgeist ging verloren.
am dringlichsten erscheint mir das für das bildungssystem zu gelten. wir sind mit deutschland die letzten beiden länder, die schon mit 10 jahren nach sogenannten "fähigkeiten" aussortieren.
kein von vernunft geleiteter mensch kann einen wirklichen vorteil am österreichischen bildungssystem erkennen. damit wir uns richtig verstehen, natürlich werden jene schülerinnen und schüler, die das privileg besitzen in eine ahs zu gehen und anschließend studieren dürfen, gut ausgebildet, vor allem dann wenn es sich eltern leisten können, mögliche defizite mittels nachhilfe zu korregieren, doch das gilt ja nur für einen kleinen teil aller unserer kinder.
zu diesem thema ein lesenswerter kommentar von karl heinz gruber
die fakten liegen ja schon länger am tisch, doch trotzdem schafft man es nicht über die eigenen schatten zu springen. wobei man sagen muss, dass die koalition derer, die ganztagsschulen und / oder gesamtschulen verhindern wollen, breiter ist als man denkt.
große teile der lehrergewerkschaften, politische parteien, die solche konzepte nicht mit ihrer ideologie vereinbaren können, doch auch jene eltern, die angst davor haben ihre kindern mit den sogenannten schmuddelkindern in eine schule zu schicken.
anbei ein link zu einem kommentar von einer, die es wissen muss:
Schreckgespenst Ganztagsschule?
hier noch ein link zum thema schulreformen:
die bildungsrefrom stockt, wichtige umsetzungspläne oder konkretes für ein modernes bildungssystem gibt es nicht zu vermelden. die hauptschulen werden in neue mittelschulen umbenannt, das dürfen jedoch auch nur maximal 10% aller schulen eines bundeslandes, die ganztagsbetreuung scheitert oft an schlechten räumlichen bedingungen, noch immer werden jahr für jahr millionen von euros in nachhilfe ausgegeben, wodurch die bildungschancen für kinder aus sozial schwachen familien sinken, doch das bildungsministerium startet eine breit angelegte und somit teure bildungskampagne, deren inhalt sich mir nicht erschließt.
was wird hier abgefeiert? welche verbesserungen? welche reformen? welche zukünftigen koalitionen sollen hier geschmiedet werden?
die sujets zeigen durchwegs glückliche kinder, als wäre alles eitel wonne.
bleibt die nun gegenderte nationalhymne, ach sind wir froh.
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Kommentare 0Permalink
was berlin kann, sollte österreich auch können oder?
das österreichische schulsystem ist antiquiert und wird in dieser form auch nur noch in deutschland und der schweiz praktiziert. nur zyniker können behaupten, der rest der welt ist zu dumm, um zu erkennen, dass wir das bessere schulsystem hätten.
Nach 35 Jahren Siechtum wird in Berlin die Hauptschule abgeschafft– endlich!

